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Kein Zweifel: Erdogan hat nicht gerade die Gefühle der deutschen Mehrheitsgesellschaft geachtet, als er in Köln seinen Rundumschlag präsentierte. Dass ein Land wie Deutschland erhebliche Probleme bei der Integration von Migranten und insbesondere Türken haben könnte, das will Erdogan wahrscheinlich auch gar nicht in den Kopf. In der Türkei hat man keine Probleme mit Einwanderung, und die Türken empfindet man da auch nicht als wortschatzschwache Machos, sondern eher als, na ja… Volksgenossen. Offenbar.
Es kann einem trotzdem auf die Nerven gehen, dass aufgrund dieses einen Satzes gegen die Assimilation jetzt die gesamte Feuilleton-Landschaft so tut, als wenn sie den Begriff noch nie gehört hätte. Tatsächlich spielt der Unterschied zwischen Integration und Assimilation spätestens seit der Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft eine Rolle in der politischen Auseinandersetzung. 1999 also.
Wenn deutschen Politikern, auch Konservativen, bisher die Frage gestellt wurde, ob die Immigranten sich assimilieren sollten, dann wurde dies bisher stets verneint: man erwarte lediglich die Bereitschaft zur Integration. Und in diesem einen Satz stecken bereits drei Falschbehauptungen.
Fehler 1: Man erwarte keine Assimilation. Das ist Unsinn. Gerade sie ist das unausgesprochene Wunschmodell eines jeden Deutschen. Denn von jenen von linker Seite immer wieder gepriesenen Vorzügen der kulturellen Vielfalt haben die meisten schon lange die Nase voll, wenn sie überhaupt jemals Sympathie dafür gehabt haben sollten. Es gehe ja gerade nicht um die beliebten Döner-Läden, die (oft Argument für Integration statt Assimilation) auch zukünftig die deutschen Straßen bereichern sollen. Die Pizzeria nebenan wird ja schließlich auch nicht von nur integrierten, sondern von perfekt assimilierten Italienern betrieben. Und damit haben sie das Bild vorgegeben, das auch von den zu integrierenden Türken in Deutschland gemalt wurde: Krawatte, gutes Deutsch, ein bisschen unterwürfig, froh, sich einen alten Benz leisten zu können, viel Achtung vor der deutschen Ordnung (”das gibt’s bei Dir zu Hause nicht, Ali, was?” Schulterklopfen.), und fertig.
Fehler 2: Eine Integration würde ausreichen. Nein, eine Integration reicht in Deutschland eben eigentlich niemandem. Oder zumindest sehr, sehr vielen nicht. Denn Integration, das ist im Gegensatz zur Assimilation das Bewahren eigener kultureller Identität, dieser komischen, so völlig anderen kulturellen Identität, das Bewahren der eigenen Religion, der eigenen Sprache. Dazu gehören muslimische Bestattungsriten ebenso wie die Anerkennung von Erdogan als eigenem Ministerpräsidenten, ohne dabei den deutschen Organen eine geringere Achtung entgegenzubringen. Tatsächlich wollen wir aber den Türken eigentlich als Deutschen mit dunklen Haaren neben uns sehen. Und nicht nur das: Er muss ja sogar etwas besser sein als das. Der vorbildliche Deutsche muss er sein, mit Rasenmähen im März. Denn bei allem anderen werden die Mehrheitsdeutschen eben doch wieder daran erinnert, dass Ali “nur” ein Muselmane ist, ein Abkömmling einer anderen Kultur. Gar nicht mal bösartig: So sind sie eben, die Musels! Wenn der Stefan von nebenan aber ein bisschen schlampig ist, dann ist er das als Deutscher. Und als solcher bleibt er anerkannt.
Fehler 3: Wir erwarten. Wenn wir erwarten, dann erwarten wir auch Vollzug. Und das heißt, dass der Türke das nun mal machen muss: sich integrieren. Alles, was wir ihm dabei öffentlich vorgeben, ist das übliche: Gesetze achten, Gleichberechtigung der Frau, Deutsch lernen. In Wirklichkeit (und unausgesprochen) erwarten wir viel mehr: Wir erwarten, dass er seine Religion unterordnet; denn in Deutschland sollen Kruzifixe in den Klassenzimmern hängen und Nonnen unterrichten, während Kopftücher verboten sind. Wir erwarten, dass er ein deutscher Patriot wird, für den DFB jubelt, stolz auf Arbeitsleistung, Pünktlichkeit und Sauberkeit ist. (Denn das sind so ungefähr die Vorgaben, wenn es um deutsche Eigenschaften geht.) Und wir erwarten vor allem, dass er das andere aufgibt. Das, was ihn immer geprägt hat. Das fällt gar nicht leicht: Sei es, dass er auf dem Schulhof seine interkulturellen Erfahrungen mit den türkischen Freunden teilen kann. Oder dass er bei sich zu Hause dieses besondere Familienleben kennt, den Sommerurlaub bei Verwandten in der Türkei, die Religion in der Moschee, wo man (einfache, zufriedenstellende) Antworten bekommt. Bei den Deutschen gibt es dagegen Disziplin und Verantwortung für den Holocaust. Es gibt dann auch Goethe, klar, aber zum Beispiel auch keinen Atatürk und Nationalstolz. Warum sollte man das alles aufgeben? Vor allem, wenn einem am Ende der Entwicklung, nach erfolgreicher Assimilation, dann doch noch der Eintritt in die Disko versagt wird, wegen der schwarzen Haare?
Bei allem nötigen (intellektuell begründeten) Misstrauen gegenüber der Vereinbarkeit von Islam und freiheitlichen Gesellschaften; die hier lebenden Migranten sind auf keinen Fall dadurch zu integrieren, dass von ihnen eine Aufgabe ihrer Identität erwartet wird. Für eine Perspektive, die keine ist; nämlich das zwar artikulierte, aber nicht tatsächlich praktizierte Anerkanntsein in der deutschen Gesellschaft.
Gehen wir mal von all dem ab, was ein unerträgliches Symptom für misslungene Integration zu diesem Zeitpunkt ist: Bösartige, gewalttätige Jugendliche mit Migrationshintergrund; deren Eltern, die mit Islamisten sympathisieren, Amerikaner, Juden und den Westen insgesamt verachten. Frauen, die unterdrückt werden. Das alles kann und darf nicht toleriert oder entschuldigt werden. Punkt.
Aber sollte man sich nicht die Frage stellen, wie es zu schaffen wäre, von der permanenten Symptom-Bekämpfung herunterzukommen und eine echte Integrationsleistung zu vollbringen? Zum Beispiel mit der Anerkennung von ein paar Voraussetzungen:
1. Integration ist keine Assimilation. Auch wenn es schwerfällt: Ali darf sich weiterhin als Türke fühlen. Er soll Deutschland und sein Grundgesetz respektieren, er soll die Gleichberechtigung von Mann und Frau anerkennen, er soll die Pluralität der westlichen Gesellschaft nicht bestreiten. Er soll sich an die Gesetze halten. Er soll die deutsche Sprache lernen und seinen Kindern vermitteln. Nicht mehr und nicht weniger. Das als Erwartungshaltung der deutschen Mehrheit. Nicht nur ausgesprochen, sondern tatsächlich.
2. Das Selbstverständnis. Wenn die Union in den letzten Jahrzehnten den Begriff eines Einwanderungslandes für Deutschland abgelehnt hat, dann war das im Ergebnis nicht ganz verkehrt. Zum Einwanderungsland gehört nämlich mehr, als Einwanderung zu haben: man muss auch mit ihr fertig werden. Und man muss sie in etwa so als Selbstverständlichkeit akzeptieren, wie es die klassischen Einwanderungsländer USA, Australien und Neuseeland tun. Daher müssen wir weg von der Schicksalsgemeinschaft. Deutschland als Einwanderungsland mit entsprechender Werteordnung. Mit einem Begriff des Zusammenwachsens von Kulturen. Mit dem German Dream, der die Möglichkeit gibt, als voll anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu gelten, aufzusteigen, bis ganz nach oben. Egal, ob Moslem, Jude, Christ, Atheist. Egal, ob schlitzäugig oder schwul. Niemand wird ausgeschlossen, alle werden geschätzt ob ihrer individuellen Leistungen. Am Ende steht eine gesündere Gesellschaft. Erst dann kann nämlich auch die Mehrheitsgesellschaft die Integration als das schätzen, was sie sein soll: Eine Bereicherung.
3. Perspektiven schaffen. Wenn Mehrheit und Minderheit diese Regeln akzeptieren und nach ihnen leben, d.h.; wenn die Deutschen den dunkelhäutigen Moslem als Mensch, als Individuum schätzen statt als Mitglied einer ominösen Gesellschaft; und andererseits die Einwanderer sich nicht abschotten, den Dialog nicht nur über die DITIB führen, ihren Kinder gleichberechtigt die Vorzüge der eigenen und der gastgebenden Kultur und Werteordnung vermitteln, dann kann am Ende auch so etwas wie ein Anreiz sogar zur Assimilation entstehen. Denn ja: Die Perspektive macht die Musik. E Pluribus Unum gibt dem Einzelnen einen größeren Wert als eine Politik der Einordnung und des Buhlens um Anerkennung.
Deshalb ja; es sind beide Seiten Schuld am Misslingen der Integration. Die Mehrheitsgesellschaft, weil die Xenophobie eben doch so oft siegt, auch wenn man es bewusst gar nicht wahrhaben möchte, aber bei PI und anderen täglich beobachten kann. Die Minderheit, weil sie nicht aktiv an der Gestaltung einer Einwanderungsgesellschaft mitwirkt und sich selbst den kleinsten Schritten dahin verweigert. Beide nicht unbeding mehrheitlich, aber mit entscheidendem Anteil.
Wer den Weg zur integrativen Einwanderungsgesellschaft schaffen möchte, kann dies nur über die Schaffung von Anreizen tun. Wer wie viele Konservative viel zu oft mit Verbot und Gesetz argumentiert, ist bei der Erreichung dieses Ziels dabei ebenso wenig hilfreich wie die Multikulturalisten als Anhänger einer gleichgültigen Gesellschaft.
Was wir brauchen, ist ein Ziel. Und deshalb muss sich eben auch die Mehrheitsgesellschaft ändern. Deutschland, ein Einwanderungsland: Da fehlt noch viel.





