„Krieg!“ titelten die deutschen Blätter 1914 ebenso eindringlich und kommentarlos wie 1939, als der Nation die vermeintlich jubelgetränkten, vaterländischen Schlachten um Macht, Einfluss, Land, Geld und Ehre gegen die verhassten völkischen Nachbarn unmittelbar bevorstanden.
Niemand, auch nicht der erzreaktionärste Vertreter der Politikerzunft zwischen Flensburg und dem Alpenrand, kann heute noch diese Haltung nachvollziehen, geschweige denn gutheißen. Die Erfahrungen der Deutschen mit zwei Weltkriegen, mögen sie auch schon 80 und 60 Jahre zurückliegen, prägen immer noch unseren Umgang mit Armeen und staatlicher Gewalt, mit Bomben und Panzern. Deutschland ist heute ein Volk von Erich Remarques, (freilich ohne dessen Erfahrungen aus einer anderen Welt) pazifistisch bis ins Mark, dabei immer auch mit dem Anspruch versehen, man wolle aus „seiner besonderen Verantwortung“ heraus gelernt haben, dass Kriege in keinem Fall zu einer Lösung führen.
Dieser die öffentliche Diskussion bestimmende deutsche Pazifismus missachtet dabei völlig, dass er nicht im Mindesten ein Überzeugungssolitär ist. Nirgends in der Welt wird Krieg noch als ein Mittel der Durchsetzung von Einfluss oder als legitime Stufe der diplomatischen Auseinandersetzung betrachtet. Die Grenzen zwischen humanitärem Engagement, Nation Building, der Suche und Ausschaltung von terroristischen Aktivitäten und der Unterbindung von Waffen- und Menschenhandel sind fließend. Sie alle erhalten ihre Notwendigkeit in einer Situation der globalen Unruhe und Instabilität. Eine Instabilität, die Islamisten, Antisemiten, Gewaltfreunden und Freiheitsfeinden gleichermaßen eine unerträgliche Bedeutung zumisst.
Während zu ganz alten Entente Cordiale Zeiten angelsächsische Interessen auf das Gleichgewicht der Mächte ausgerichtet war und später, im Kalten Krieg, diese Balance of Power zwischen den beiden Supermächten ganz ohne äußere Hinwendung zum sicher bedrohlichsten, aber auch stabilsten, und im Ergebnis wahrscheinlich friedlichsten Zustand der Weltgeschichte geführt hat, müssen heute die ganz kleinen und mittelgroßen Misthaufen von lokalen Idioten und regionalen Hetzern in asiatischen Bergländern und afrikanischen Innenstädten bekämpft und abgetragen werden.
Es ist nicht nur eine Minderheit in Deutschland, die sich dieser Erkenntnis mit einfachsten Worten entzieht, sondern eine aufgrund ihrer Masse durchaus Respekt einflößende Mehrheit, die mit aller Sicherheit behauptet, die USA wollten ja lediglich ihre Interessen an Macht und Kapital durchsetzen und sehen in der terroristischen Bedrohung einen notwendigen Vorwand. Dies ein mittlerweile ebenso alter Vorwurf wie der vom hakennasigen Weltjudentum-Bankier, dessen Einsatz für die Politik unmittelbar auf seinen Geldbeutel zurückzuführen ist. Einfache Antworten überdauern die Zeit, sie sind in jeder Globallage schon da, sie überleben die Weltpolitik ebenso wie Kakerlaken die Apokalypse.
Nun denn Deutschland, frisch auf, beantworte die Frage: Ist unsere Belohnung aus dem von Deutschen begangenen Holocaust das dauerhafte Heraushalten aus Konflikten? Wollen wir uns dem Terror entsagen, indem wir mit Bin Laden zwar durchaus nicht sympathisieren, aber ihm Ruheräume und Zurückhaltung versprechen? Wollen wir statt die lebendigen Juden in ihrem Staat zu schützen lieber den toten Juden gedenken und ihre Enkel zum Appeasement ermahnen? Ist das unser neues Ross? Ein ethischer Schimmel, erwachsen aus den Knochen der Toten der Weltkriege, unser ganz eigenes Pferd, so groß, dass wir die Weltlage kaum noch erblicken und so schnell, dass wir ihr gut entrinnen können?
Statt Kollektivschuld ein kollektives Rosinenpicken. Feigheit hätte man früher gesagt. Illoyal sagen einige auch heute. Unmoralisch, ignorant, hedonistisch; das möchte man hinzusetzen. Wenn Deutschland nicht lernt, Verantwortung zu übernehmen, oder besser; Wenn Deutschland mit seiner Erfahrung nicht die verfluchte Verantwortung spürt, auch über die eigenen Grenzen hinaus mit all seinem materiellen Reichtum für das Wohlergehen und die Sicherheit anderer, die uns gar nichts angehen, sorgen zu wollen, dann hat Deutschland auch jedes Recht auf Anerkennung in der Weltgemeinschaft verspielt.
Man will in den UN-Sicherheitsrat? Warum? Man will ernst genommen werden? Warum?
Ich hoffe sehr, dass auch ich irgendwann einmal so etwas wie ein patriotisches Gefühl entwickeln kann, wenn diese (via) und jene Diskussionsansätze in eine tatsächliche Bewegung münden, die für einen, ja, christlichen Ansatz der Nächstenliebe auch außenpolitisch sorgt.
Zurzeit gibt es hier nur selten ein Gefühl von mentaler Achtung; beim Anblick von Stars and Stripes und Blau-Weiß-Rot. Denn These Colors Don’t Run.






