In Sommermonaten stehe ich etwas früher auf als im Winter. Grund dafür ist keineswegs das rationale Ausnutzen der schönen Tage; eher eine Form von schlechtem Gewissen, wenn es draußen schon hell wird, ich aber noch im Bett liege. In den Wintermonaten dagegen bewegt es sich so um die 7 Uhr herum, manchmal auch früher.
Weil sich meine Wohnung im Mehrfamilienhaus ganz oben befindet, bin ich sehr dankbar dafür, wenn ich im Moment des Türöffnens meine Tageszeitung bereits vor dem Wohnungseingang auffinde. Erstens, weil der Hausflur ja nun mal nicht geheizt ist und das keine schöne Minute ist, in der ich mich auf den Weg zum Briefkasten und wieder zurück mache, zweitens, weil ich Situationen, in denen ich morgens unrasiert und im Bademantel zu Schwätzchen mit Nachbarn gezwungen bin, aus tiefster Seele verabscheue. Vor allem aber drittens, weil sich ein(e) nette(r) Nachbar(in) mir zuliebe auf einen Zusatzweg gemacht hat (ich bin der höchstgelegene Abonnent im Haus)- ein morgendlicher Grund für Freude und Dankbarkeit.
Ich kann mich nicht beschweren, denn meistens verhält es sich wie geschildert. Und sollte ich der erste sein, der morgens das Haus mit Leben erfüllt, so ist es eine Selbstverständlichkeit, dass auch ich sämtliche Zeitungen aus den Briefkästen nehme und sie den registrierten Abonnenten vor die Tür lege. Für mich ist es ja nicht einmal ein Umweg.
Meistens verhält es sich so, nicht immer: Ich habe bemerkt, dass sich von Zeit zu Zeit Einzelkoalitionen bilden. Wenn direkte Nachbarn statt der Heraufnahme aller Zeitungen sich lediglich für eine weitere Zeitung entscheiden, nämlich der für die Nachbarwohnung auf dem selben Stockwerk. Grundsätzlich habe ich gar nichts dagegen, man muss sich ja nicht gleich für das ganze Haus verantwortlich fühlen, Altruismus und Nächstenliebe hin oder her.
Der Nachteil besteht darin, dass unter den so beschenkten, ausgewählten Nachbarn gerade diejenigen sind, die normalerweise ob eines gewissen Verantwortungsgefühls oder meinetwegen göttlicher Vorsehung gerade diese Aufgabe mit erfüllen: Mir meine Zeitung hochzubringen. Natürlich fällt das dann aus.
Entsprechend frage ich mich, ob die Praxis des Zeitungholens in meinem Haus auch als Beispiel für den Sozialstaat an sich stehen kann. Wenn nämlich Einzelne davon abgehalten werden, auch für den Rest der Nachbarn hilfreich zu sein, weil sie ihrerseits bereits exklusiv beliefert werden.
Es ist ja nun mal eine liberale Lehre, dass das Bevorzugen einzelner immer auch negative Auswirkungen auf andere haben kann. Freiheit bedeutet auch Freiheit zur guten Tat.







Das hängt sicherlich von verschiedenen Faktoren ab (Größe des MFH, Stärke der nachbarlichen Gemeinschaft etc.). Ich würde das Pferd andersherum aufzäumen: in einer unfreiheitlichen Gesellschaft würde Dein Nachbar morgens um 5 aus dem Bett geprügelt, damit er Dir die Zeitung hochholt. Im Ernst: Eigentlich ist der Nachbar B, der nur dem Nachbarn A die Zeitung hochholt, tendenziell unsozial.
Ja genau, das meine ich ja: Nachbar B ist in dem Fall der Staat, der sich um Nachbar A kümmert und ihm damit 1. die Freheit nimmt, für sich selbst zu sorgen und 2. auch gleich den Antrieb, anderen etwas Gutes zu tun…